Der besetzte Komplex Prosfygika in Athen im Kampf gegen die Räumung
Wenn ich meinen Blick nach Südosten wende und etwas in die Ferne schweifen lasse, sehe ich statt antiken Säulen und griechischem Wein immer öfter ein paar Blöcke in Athen. Was heißt, ich sehe – ich höre natürlich, höre davon. Prosfygika höre ich! Das es beeindruckend sei, groß aber auch und schwierig, dass es einen Hungerstreik gibt. Am Ende zu viel Hörensagen und zu wenig Wissen. Zum Glück habe ich über eine Ecke zwei Menschen kennengelernt, denen ich dank moderner Kommunikationsmittel ein paar Fragen stellen konnte:
GZ.: Die meisten Menschen in Deutschland, kennen von Griechenland eher die touristischen Aspekte. Hausbesetzungen und Anarchismus kommen da eher zu kurz. Könnt Ihr deshalb mal beschreiben, was die Prosfygika ist aber auch die Bewegungen kurz umreißen, die sie umgeben?
Nora: Zuerst würde ich sagen, dass die Geschichte des griechischen widerständigen Bewegung sehr eng mit Prosfygika verknüpft ist. Jetzt sind das 9 Dekaden an Widerstand und Systemwechsel, verbunden mit sehr viel Blutvergießen. Ein Brennglas der neueren griechischen Geschichte, was aber hier den Rahmen sprengen würden. Hier nur ein paar Schlaglichter: Im kommunistischen, bewaffneten Widerstand gegen den italienischen und deutschen Faschismus im Rahmen des 2. Weltkriegs, der sich zu einer breiten kommunistisch geprägten Massenbewegung entwickelte und im griechischen Bürgerkrieg 1944 hauptsächlich in Athen mündete, sehen wir schon das erste Zusammenkommen von widerständigen Kräften und der Nachbarschaft Prosfygika. Damals waren die Gebäude hauptsächlich von Geflüchteten aus Klein-Asien bewohnt, die im Zuge des Bevölkerungsaustauschs nach der Niederlage Griechenlands gegenüber dem Osmanischen Reich massenhaft vertrieben wurden und hier, im Herzen Athens, in Camps lebten. Alle Gebäude wurden im Zuge der Bauhaus-Bewegung erbaut und waren von Beginn an Eigentumswohnungen. Sprich, der kommunale Charakter der Nachbarschaft war von Beginn an schon in der Architektur angelegt.
Im Zuge des Bürgerkrieges gegen Monarchisten und Faschisten mit Unterstützung von der britischen Besatzungsmacht, wurde Prosfygika zu einem wichtigen Punkt für den Widerstand, an dem auch zentrale Kämpfe stattfanden, deren Spuren – Einschusslöcher in den Gebäuden – noch heute zu sehen sind.
Auch wenn die Community hauptsächlich als Teil der anarchistischen, antiautoritären Bewegung wahrgenommen wird, ist es uns wichtig, auch auf diesen Teil der Geschichte aufmerksam zu machen.
GZ.: Was heißt Prosfygika eigentlich? Hat das ne Bedeutung?
Luca: Prosfygika kommt vom griechischen Wort für Geflüchtete und bedeutet soviel wie Zufluchtsort für Geflüchtete. Damals gab es viele solcher Nachbarschaften für die eben erwähnten Geflüchteten, hauptsächlich aus dem damaligen Smyrna (heute Izmir). Deswegen sagen wir auch besetzte Nachbarschaft von Prosfygika.
Ja, wie die Nachbarschaft nun zu einer Besetzung wurde… In den 90er Jahren hat der griechische Staat angefangen, Interesse an dem von Prosfygika besetzten Land zu haben und das Gelände für Profitinteressen platt zu machen. Man muss dazu sagen, dass Prosfygika ursprünglich nicht zum Stadtkern gehört hat, sondern in der Peripherie angelegt wurden ist. Auch die Hauptpolizeiwache von Attika und der Oberste Gerichtshof direkt daneben, kamen erst im Laufe der Diktatur in den 60ern dazu. Jedenfalls war die langsam alternde Nachbarschaft ein Dorn im Auge und die Bewohnerinnen wurden mit verschiedenen Mitteln erpresst, ihre Wohnungen für wenig oder gar kein Geld dem Staat zu überlassen. Dagegen haben sich 51 Besitzerinnen gewehrt und blieben trotz der Drohkulisse in der Nachbarschaft. Als Teil dieser Kämpfe wurde auch errungen, dass nach und nach alle 8 Wohnblocks unter Denkmalschutz gestellt und deshalb nicht abgerissen werden konnten. Somit wurden 137 von insgesamt 228 Wohnungen in staatliche Hand übergeben, standen aber aufgrund der neuen rechtlichen Situation leer. Das bot den Nährboden dafür, dass Anfang der 2000er viele Wohnungen von Geflüchteten, politischen Migranten, Anarchistinnen, aber auch der Mafia besetzt wurden.
Anfang der 2000er befand sich die Gesellschaft ohnehin in einer sehr schweren Zeit, wirtschaftlich und sozial-politisch ging es einfach nur bergab. Eine ganze Generation stand unter Angriff und Perspektivlosigkeit. Auch innerhalb der Nachbarschaft war die Situation mit der Mafia, die besetzte Wohnungen als Drogenlabore nutze, an Geflüchtete vermietete und diese zwang, zu dealen, Menschenhandel, Kinderprostitution und alles mögliche betrieb, nicht mehr aushaltbar. Eine Situation in der Genoss*innen von damals die einzige Perspektive sahen, sich zu organisieren und die Mafia aus den Gebäuden zu vertreiben.
2010 schlossen sich daher Bewohner*innen der Nachbarschaft zusammen, um gemeinsam mit Teilen der anarchistischen Bewegung, aber auch mit den türkisch kommunistischen Organisationen, die zu der Zeit auch schon in der Nachbarschaft waren, sich Haus für Haus die Gebäude von der Mafia zurückzunehmen und zu kollektivieren. Das war die Entstehung von SyKaPro, der Verwsammlung des besetzten Prosfygika. Deshalb würden wir auch nicht sagen dass wir eine anarchistische Gemeinschaft sind. Von Anfang an waren in der Nachbarschaft alle möglichen Differenzen die die soziale Basis in sich trägt vereint, was auch verschiedene ideologische Ausrichtungen mit sich trug.
Nora: Die Basis für die Organisation war aber von Anfang an das kommunale Zuammenleben. Die ersten Grundsätze, auf die sich im Rahmen der Kollektivierung und Organisierung geeinigt wurde waren 1. Kollektives Eigentum der Wohnungen 2. Keinen Geldtausch zwischen Menschen der Nachbarschaft 3. Keine Gewalt untereinander. Natürlich auch die “typischen” Anti’s: Antisexismus, Antifaschismus, Antikapitalismus, Antistaatlichkeit, Antirassismus und und und aber das eigentlich wichtige war was denn aus diesen Anti’s perspektivisch gebildet werden kann. Und das war schon ein horizontales Projekt, das mit gelebter Solidarität und kollektiver Verantwortung die komplette Selbstverwaltung anstrebte.
GZ.: Was Persönliches: Wohnt Ihr auch im Prosfygika?
Nora: Yes, seit 1.5 Jahren
Luca: Ich bin Teil vom borderless collective, und als Kollektiv sind wir seid ca. 2.5 Jahren Mitglieder der Gemeinschaft, seit dem sind verschiedene Genoss*innen von uns immer abwechselnd für mehrere Monate in Prosfygika.
Nora: Ja, ich bin 2023 auf einen Aufruf für Internationalist*innen das erste Mal zur Community gekommen, um für 6 Wochen in einem der Gasthäuser zu leben und zu unterstützen. Dann war ich 2024 für ein halbes Jahr wieder als Internationalistin hier. Seitdem ist die Community langfristig mein zu Hause.
GZ.: Wie nehmt ihr die Unterschiede zwischen “Freiraum”-kultur in Deutschland und in Griechenland wahr?
Nora: Was mir auffiel, als ich das erste Mal in Griechenland und in Prosfygika war, ist, wie offen und wirklich sozial geprägt manche Räume hier sind. Du bist in einem Squat das einerseits 24/7 von Repression betroffen ist, mit konstanter Polizeipräsenz usw, das aber trotzdem gleichzeitig offene Versammlungen macht, wo du innerhalb von 5 minuten entweder eine offene Struktur, ein offenes Angebot, oder ein Mitglied der Community finden kannst, mit dem man ins Gespräch kommen kann. Spezifisch für Prosfygika ist besonders, dass so viele Differenzen zusammen kommen, unterschiedliche Hintergründe, Alter, Ideologie und Sprache. Und das man mit all den Differenzen ein gemeinsames Streben nach kollektiver Befreiung findet. Die Community von Prosfygika unterscheidet sich aber auch von anderen Squats in Griechenland, eben aufgrund der vielschichtigen Einflüsse, die über die Jahre hinweg die Kultur der Community bestimmt haben. Und man sieht speziell hier, wie das Empowerment von marginalisierten Menschen stattfinden kann, und die Organisierung sehr lebensnah stattfindet. Von den verschiedenen Essensstrukturen, wie der Kollektivbäckerei Berkin Elvan, zu den Strukturen die Häuser instand halten, dem kollektiven Kindergarten und der Gesundheitsstruktur, der autonomen Frauenstruktur… Das sind nur ein paar der insgesamt 22 Strukturen, die die grundlegenden Bedürfnisse eines guten Lebens abdecken. Diese Strukturen bilden wiederum die Basis für unsere soziale Selbstverteidigung.
Ein weiterer Aspekt, der die wichtigste Basis für all das bildet, sind die Beziehungen, die wir miteinander aufbauen: genossinnenschaftliche, kommunale Beziehungen zwischen allen Mitgliedern der Gemeinschaft. Ein Kind von 4 Jahren, eine alleinerziehende Mutter aus dem mittleren Osten, Menschen, mit denen ich ideologische Differenzen habe, als Genoss*innen mit ihrer Autonomie und gleichberechtigt anzusehen und horizontale Beziehungen auszubauen, ist natürlich eine immense Herausforderung und funktioniert nicht immer problemlos. Aber die ganze Arbeit, die wir in den letzten Jahren in unsere gemeinschaftlichen Beziehungen steckt haben, bilden genau die Basis auf der wir erst nachhaltig organisieren und zum Beispiel auch militant verteidigen können.
Luca: Ich würde dem noch zwei Punkte hinzufügen. Einerseits wie wir mit allen Strukturen der Nachbarschaft auf Autonomie hinarbeiten und in diesem Mikrokosmos eine andere Organisierung der Gesellschaft lernen, ausprobieren und Schitt für Schritt aufbauen. Und wie politische Organisation und kommunales Zusammenleben hier in der Community von Prosfygika zusammenkommen, und nicht nebeneinander stattfinden. Wie wir ein kollektives Programm herausbilden, wie wir unsere Woche organisieren, und darin alle Verpflichtungen und Bedürfnisse versuchen mit einzubeziehen.
GZ.: Apropos Selbstverteidigung: Ihr seid ja akut bedroht. Seit wann denn eigentlich?
Luca: Seit dem Zusammenschluss 2010 als sozial-politisch geeinte Nachbarschaft sind wir von konstanten Angriffen und Repression von Seiten des Staats betroffen. Und auch schon davor, mit den ersten Plänen des Staates die Nachbarschaft in ein Shoppingcenter zu verwandeln, Pläne die Anfang der 2000er von den damaligen Bewohner*innen vereitelt wurden. Der aktuelle Angriff ist aber trotzdem der größte der letzten Jahre, weil der Staat von den vergangenen, gescheiterten, Angriffen gelernt hat, bestimmte rechtliche Fallstricke umgangen hat, und weil das Geld für den Angriff und die angebliche “Renovierung” der Gebäude durch den Staat schon durch EU-Gelder gedeckt ist. Wir haben es mit einem sehr konkreten Plan der Zerstörung eines politischen Gegners der Regierung von Mitsotakis, der Verfolgung hunderter Nachbar*innen und der Gentrifizierung der gesamten umliegenden Nachbarschaft zu tun. Von diesem konkreten Plan haben wir vor etwas mehr als zwei Monaten das erste Mal erfahren. Seitdem arbeiten wir intensiv an unserem eigenen Plan der Verteidigung und des Gegenangriffs. Verschiedene Pläne zur Entwicklung unserer Strukturen, die wir schon längere Zeit haben, müssen jetzt von uns deutlich schneller umgesetzt werden.
Die Repression ist aber nicht nur das was sichtbar ist, wie die erhöhte Polizeipräsenz und die Veröffentlichung von staatlichen Propagandaartikeln gegen die Nachbarschaft. Repression findet hauptsächlich in uns drinnen statt – im “wie” wir mit der Bedrohung umgehen. Der Staat möchte ein Klima der Angst schaffen, in dem sich alle immer mehr in sich zurückziehen, und sich ihren individuellen Plan-B kreieren (wobei man sagen muss, dass es für viele von uns hier in der Realität einfach keinen Plan B gibt und die Nachbarschaft mit all ihren Strukturen schon die letzte Chance war, von der Straße oder aus dem Camp wegzukommen).
Nora: Generell sind wir davon überzeugt, dass Repression aber genau dann beginnt, wenn mensch in Anbetracht dieser Situation, die für die meisten Menschen hier sicher den Tod auf der Straße bedeutet, verzweifeln und aufgeben würde. Repression ist hauptsächlich ja ein Spiel mit der Psychologie und gelingt dann noch besser, wenn sich Menschen aus Angst heraus selbst repressieren und die Überzeugung für unseren Kampf für Menschlichkeit und Freiheit verlieren. Wir haben einige Notstands-Plena gemacht und der Grundtenor war klar: Es ist normal, Angst zu haben. Wir müssen darüber sprechen, aber wir lassen uns auch nicht davon abhalten bis zum Ende unser Leben und unsere Gemeinschaft zu verteidigen. Wir sagen ja: Entweder wir werden gewinnen oder wir gewinnen. Nicht, weil wir arrogant oder idealistisch sind oder die Anstrengungen dieses Kampfes nicht sehen würden, sondern weil es die einzige Entscheidung ist, die wir treffen können, wenn wir überleben wollen.
Nichtsdestotrotz ist diese ganze Situation natürlich extrem heikel, auch im politischen Sinne. Natürlich ist Repression – innere und äußere – schon immer etwas, womit wir konfrontiert sind. Und es besteht natürlich die Gefahr, unsere Essenz, das was wir waren, sind und werden wollen, konstant hinten anzustellen. Ganz praktisch aus dem Alltag gesehen: Während all der ernsthaften Diskussion, Pläne und harter Arbeit für unsere Selbstverteidigung spielen die Kids auf der Straße, es werden die Sorgen und das Essen geteilt. Wir lachen, tanzen und dürfen diese wichtigen Aspekte, die auch die Community ausmachen, nicht aus den Augen verlieren.
GZ.: Die Abwesenheit eines Plan B scheint sich auch in der Härte (oder Konsequenz) des Widerstandes niederzuschlagen. Ich bin auf das Prosfygika gestoßen als in einer Runde von Leuten aus der anarchistischen Bewegung sehr kontrovers eine Aktionsform diskutiert wurde: Der Hungerstreik eines Bewohners. In der Diskussion wurde zum Beispiel aufgeworfen, ob das angesichts der Frage, dass unseren Gegnern der Tod eines Hausbesetzers ganz egal, vielleicht ja sogar ganz recht ist, eine sinnvolle Form des Widerstandes ist. Zugleich wurde in den Raum geworfen, dass wir unsere Mitstreiter:innen ja lebend brauchen – nicht im Sarg. Mir scheinen das gewichtige Argumente zu sein. Warum glaubt ihr trotzdem, dass das sinnvoll ist?
Nora: Einerseits glauben wir natürlich, dass der Hungerstreik als Werkzeug in unserem Kampf erfolgreich ist und würden uns sonst auch nicht dafür entscheiden. Ein Beispiel: Ein Werkzeug ist eben so sinnvoll, gemessen an dem Sinn dem du ihm gibst. Mit dem Hungerstreik appellieren wir nicht an den Staat, sondern an die Gesellschaft. Der Hungerstreik macht sichtbar, was die Konsequenz einer Räumung bedeuten würde. Und zwar, dass eine Räumung viele Menschenleben kosten würde. Wir haben so viele Menschen hier, die mit den unterschiedlichsten gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und die ohne diese Gemeinschaft einfach nicht überleben werden. Was dieser Hungerstreik macht, ist diesen Umstand und den Ernst der Situation für alle sichtbar zu machen und sowohl die Gesellschaft und uns als Nachbarschaft dazu zu bringen, in die Offensive zu gehen. Auch ist der Hungerstreik mit den Forderungen, die er trägt, eingebettet in eine größere Verteidigungsstrategie mit einem mehrschichtigen Plan, der legale, soziale und militante Selbstverteidigung vereint.
Ein Beispiel vom letzten Jahr war der Hungerstreik von Pavlo Routzi, einem Vater, der die Exhuminierung seines Sohnes, der beim Tempi-Zug-“Unglück” durch den Staat ermordet worden ist, gefordert hat. Gerade weil der Protest darum so divers und gesellschaftlich getragen war, wurde den Forderungen Routzis nachgegeben.
Jeden Tag sind wir auf der Straße präsent, sammeln Unterschriften für unsere Forderungen und kommen so mit der Gesellschaft in Kontakt. Zudem haben mehrere offene Plena zur Verteidigung der Nachbarschaft mit über 400 Menschen stattgefunden.
Abgesehen davon, wollen wir Aristos natürlich auch lebend haben! Deshalb unterstützen wir mit allem was wir können, den gemeinsamen Hungerstreik des Genossen und die Verteidigung generell. Die Art und Weise, wie wir uns selbst verteidigen, bringt uns zusammen und verleiht uns kollektiv mehr Kraft.
Während die Gesellschaft hier in Griechenland, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt, immer stärkeren Angriffen durch autoritär faschistische Regime ausgesetzt ist, und wir als Bewegung immer mehr in die Defensive gedrängt worden sind, ist die Wahl eines Mittels wie des Hungerstreiks bis zum Tod und die damit einhergehende ernsthafte Verpflichtung zur Selbstverteidigung eine Einladung an die Bewegung, sich weiterzuentwicklen und kollektiv aus der Defensive zu kommen. Angesichts der Angriffe denen wir ausgesetzten sind, und einer Situation in der wir merken, das unseren bestehenden Mitteln nicht ausreichen, müssen wir weiter gehen. Ein Vergleich, 2010, als Genoss*innen ihre Perspektive einer organisierten Nachbarschaft direkt neben der Hauptbullenwache und dem obersten Gerichtshof mit anderen geteilt haben, gab es viele Stimmen dazu, die meinten, das sei unmöglich. Die Community zeigt, wie dehnbar die Grenzen des Möglichen sind, und das wir nur dann weiterkommen, wenn wir über die Grenzen, die von außen gesetzt werden und in unsere Überzeugung einfließen, hinaus gehen.
Luca: Die Forderungen dieses Hungerstreiks sind:
1) Die sofortige Aufhebung des Vertrags durch die Region Attika
2) Alle Einwohner:innen von Prosfygika sollen in ihren Häusern, an dem Ort und in der Gegend, in der sie leben und soziale, kulturelle und organische Verbindungen aufgebaut haben bleiben.
3) Praktische Garantien für die Renovierung von Prosfygika durch die gemeinnützige zivile Gesellschaft „Bewohner und Freunde von Prosfygika L. Alexandras A.M.K.E.“ mit eigenen Mitteln, das heißt keine öffentlichen Mittel für die Sanierung von Prosfygika.
Dieser Kampf hier hat gerade erst begonnen, daher ist es am wichtigsten, das Bewusstsein für die Eskalation zu schärfen. Das Wichtigste ist, das sozio-politische Projekt der Besetzten Nachbarschaft von Prosfygika, bekannt zu machen, nämlich als soziales Experiment und als alternativen Vorschlag für die Organisation der Gesellschaft von unten.
Nora: Natürlich sind wir bei all dem was wir machen auch auf Spenden angewiesen und haben vor 2 Wochen unseren firefund für die erste Etappe der Finanzierung veröffentlicht. Den Link dazu findet ihr hier: https://www.firefund.net/saveprosfygika Wir werden in den nächsten Tagen auch noch die Unterschriftenkampagne übersetzen und veröffentlichen und auch die Möglichkeit, Freunde unserer gemeinnützigen zivilen Gesellschaft “Bewohner und Freunde von Prosfygika L. Alexandras A.M.K.E.” zu werden.
Auch sind alle Organisation, Gruppen und Individuen dazu aufgerufen, mit Öffentlichkeitsarbeit auf allen verschiedenen Ebenen zu unterstützen: Banner, Graffiti, Teilen von Social Media, das Verfassen von eigenen Texten und Posts, bilden der Netzwerke etc.
Und vor allem: Die Community hat in so vielen Menschen wieder Hoffnung auf ein selbstorganisiertes Leben in Würde geweckt und die Überzeugung an unseren Kampf zurückgegeben. Ohne unsere Überzeugung dass wir gewinnen können, dass es Sinn macht, während wir räumungsbedroht sind, immer noch Wohnungen zu renovieren, Strukturen zu bilden… wären wir heute nicht, wo wir sind. Wir sind immer offen für die Partizipation und gegenseitigen Austausch und wollen nicht den Funken, sondern das Feuer des Widerstands am Leben halten.
GZ.: Vielen Dank, dass ihr Euch die Zeit genommen habt! Viel Erfolg!
Wir hätten noch lange weitersprechen können. Zum Beispiel über den Hungerstreik von Aristotelis Chantzis, der in meinem Umfeld sehr kontrovers diskutiert wurde. Da hätten wir durchaus noch in die Tiefe gehen können. Aber meine Gesprächspartnerinnen mussten zur Versammlung. Und klar! Selbstverständlich ist die konkrete Organisation vor Ort wichtiger als ein Interview für die „Szene“ in Deutschland. Dennoch können (und sollten) wir aber auch hierzulande (und das auch ungeachtet möglicher Differenzen) ein paar Dinge tun: Den Kampf bekannt machen, Geld und Sachen spenden und vielleicht auch mal eine Kundgebung vor dem griechischen Konsulat machen (den eher am „aufständischen Anarchismus“ orientierten Leuten fällt bestimmt noch mehr ein). Vor allem aber sollten wir auch lernen. Lernen unsere eigenen (sozialen) Kämpfe hier zu führen und in Beziehung zu setzen mit den Kämpfen anderswo. Zum Beispiel eben mit jenen in Griechenland. „Entweder wir werden gewinnen oder wir gewinnen!“ rufen die Leute vom Prosfygika. Tragen wir dazu bei, dass das stimmt!
Ihr könnt via Mail mit der internationalen Kampagne „Save Prosfygika” Kontakt aufnehmen, um aktuelle Informationen zu erhalten, und für die Koordination von Solidaritätsbewegungen aus dem Ausland mit der allgemeinen Kampagne: save-prosfygika-internationalist [ät] systemli.org
Kontakt zur Besetzten Gemeinschaft von Prosfygika:
E-Mail: sykapro_squat [ät] riseup.net
Website: https://saveprosfygika.gr/
Blog: https://sykaprosquat.noblogs.org/
Zum Vertiefung noch ein bisschen Text auf deutsch:
Ein Interview in Lower Class Magazin mit Aristotelis Chantzis (der in den Hungerstreik getreten ist):
https://lowerclassmag.com/2026/02/18/angriff-auf-prosfygika-unbefristeter-hungerstreik/
Ein guter Artikel aus der AK:
https://www.akweb.de/bewegung/groesste-besetzung-griechenlands-squad-prosfygika-athen/
Ein interessanter Radiobeitrag bei Radio Corax (auf englisch, September 24):
https://radiocorax.de/ein-belagertes-viertel-des-widerstands-in-athen/
Und ein schönes, etwas älteres Filmchen (mit Untertiteln):
