Schlaglichter auf Dessau
Morgen spiele ich mal wieder in Dessau. Dort war ich in den letzten Jahren immer mal wieder. Nur einmal zum Spielen, etwas öfter zu den Demonstrationen den Jahrestagen des Todes von Oury Jalloh in einer Zelle auf dem Polizeirevier. Vieles, zu vieles spricht dafür, dass Oury Jalloh auf dem Polizeirevier ermordet wurde. Die infame Vertuschung der Umstände durch Polizei, Behörden und Gerichte ließ (und lässt) mit Empathie und Verstand ausgestattete Menschen in fassungsloser Wut zurück, zumal der Oury Jalloh nicht der einzige Tote war. Mit den Demos versuchten wir Aufmerksamkeit zu erzeugen, trugen aber auch Wut und Fassungslosigkeit zurück in die Stadt.
Während ich durch Dessauer Strassen demonstrierte, erinnerte ich mich immer mal wieder daran, dass ich in den 90er Jahren auch ein anderes Dessau kennengelernt hatte. 1997 (noch vor Köterkacke) hab ich nämlich eins meiner allerersten Konzerte in Dessau gespielt. Das war so: Ich lungerte bei Freunden in Leipzig herum, übte, trank Bier und wollte spielen. Da lag dieser Newsflyer mit den Telefonnummern linker Zentren in Sachsen und Umgebung herum. Die telefonierte ich ab. Heraus kam ein Konzert im AJZ Dessau. So genau kann ich mich daran nicht erinnern, weiß aber noch, dass ich „Rosen auf den Weg gestreut“ spielte und daß die Leute im AJZ einen ungemein fitten und in Bezug auf ihre Stadt selbstbewussten Eindruck machten. Später muss irgendetwas schiefgegangen sein. Davon hörte ich aber nur aus der Ferne, wenn ich in Aken an der Elbe oder in Bitterfeld spielte. Schön dass ich letztens Alex in einer Potsdamer Kneipe traf, der mir mehr davon erzählte. Ich freue mich auch, dass Alex bereit war ein kleines Interview für diesen Blog zu machen, denn ich halte es für wichtig, diese alten Geschichten auszugraben und zu erzählen. Einerseits kann die alte Scheiße heute noch inspirierend sein (oder uns wenigstens vor manchen Fehlern bewahren). Andererseits: Wenn wir das nicht erzählen, tut es niemand oder jemand anders und das ist keine schöne Vorstellung, wenn man weiß, was der blaugefärbte Bürger so erzählt wenn der Tag lang ist. Also Schluss jetzt mit dem Vorwort und rein in die Vergangenheit.
Juten Abend Alex
Du kommst ja aus Dessau. Dessau ist ja im Moment bundesweit für zwei Sachen bekannt: Bauhaus und Tote auf dem Polizeirevier. Und letzteres nicht nur einmal. Wie fühlt sich das an, wenn es da um die Stadt der Kindheit und Jugend geht?
Was soll ich dazu antworten? Natürlich nicht gut. Aber es wäre ja auch verwunderlich, wenn ausgerechnet Dessau keine rechten Skandale aufzuweisen hätte. Immerhin ist es nicht nur die Stadt von Kurt Weill und Moses Mendelssohn, sondern auch die Stadt, die das Bauhaus vertrieben hat, Gauhauptstadt war, und wo ein großer Teil des Zyklon Bs herkam, das in den Gaskammern genutzt wurde.
Was wusstest Du davon als Jugendlicher im untergehenden Arbeiter- und Bauernstaat?
Mendelssohn war bekannt, Kurt Weill auch, wenn auch nicht so präsent wie heute. Über die Gauhauptstadt wurde natürlich – in der üblichen Fokussierung auf Widerstand – erzählt und in entsprechenden Publikationen der historischen Kommission der SED-Kreisleitung berichtet (die es ja überall gab, also die Kommissionen), wobei ich die Heftchen damals noch nicht kannte. Zyklon B hatte ich mitbekommen, weil es 1988 wie im Rest der Republik erste Gedenkveranstaltungen und Denkmale zur Reichspogromnacht gab. In dem Zusammenhang gab es eine Tagung, zu der ein Historiker, den ich kannte, soweit ich weiß erstmals öffentlich die Produktion in Dessau besprochen hat. Ich war zwar nicht selbst bei der Tagung, aber habe dann davon gehört.
Spielte dieses Wissen eine Rolle dabei, dass Du Dich 89/90 links orientiert hast?
Unbewusst hat es das sicher beeinflusst, aber konkret als Impuls oder so würde ich nicht sagen.
Ihr wart ja eine ganze Menge linker Jugendlicher in der Transformationszeit. In den 90ern galt Dessau als Zecken- bzw. Antifahochburg. Wie kam es dazu?
Gute Frage. Den einen Grund dafür kann ich nicht benennen. Um das wirklich beantworten zu können, bin ich wohl doch 2-3 Jahre zu jung. Dessau hatte eine relativ florierende Szenerie verschiedener “Subkulturen”, die (fast) alle ab Ende der 80er Jahre Stress mit Faschos hatten. Das wurde natürlich nach der Wende nochmal deutlich schlimmer. Und dann haben sich halt Leute mit sehr unterschiedlichen Hintergründen zusammengetan. Aber das war ja notgedrungen eigentlich fast überall so. Dass es dann im Vergleich mit anderen Städten im Osten ein paar Jahre sehr wenig Probleme gab, hängt wohl einerseits mit dem Unvermögen der Nazis zusammen, etwas auf die Beine zu stellen, andererseits sicher auch mit ein paar, sagen wir mal mythenbildenden Situationen, in denen sie nicht so gut aussahen.
Ihr hattet auch ein eigenes Zentrum besetzt. Das AJZ. Wie ging das los?
Es gab wie in vielen Städten schon seit den 1980ern besetzte Wohnungen, ab 1989/90 dann ein besetztes Haus aus der Bürgerbewegten/Künstler*innen-Szene, in dem das Kulturelle Informations- und Einwohnerzentrum (K.i..E.Z., das immer noch existiert) aufgebaut wurde. Im Herbst 1991 gab es dann als erstes linksradikales Projekt eine Besetzung in der Jonitzer Straße 4. Das war alles noch nicht wirklich ausgegoren. Das Haus wurde dann kurz nach dem 20. April 1992 geräumt. Offenbar gefiel es nicht, dass sich da an dem Tag so viele Leute zum Schutz versammelt hatten. Dann gab es Verhandlungen mit der Stadt, auch unterstützt vom K.i.E.Z., wo, über das AGAG-Programm bezahlt, 2 für uns zuständige Sozialarbeitende ansässig waren. Der Verein Alternatives Jugendzentrum e.V. wurde gegründet. Die Stadt bot uns ein paar Häuser an (teilweise viel zu klein, bei einem lag das Treppenhaus frei usw.), wir suchten uns eins aus, die Stadt hielt uns hin. Schließlich sind wir in die Schlachthofstraße 25 rein. Das war am 7. April 1993.
Wie ging es dann weiter? Warum wurdet ihr diesmal nicht geräumt?
Das war eine Entscheidung des damaligen OB Dr. Jürgen Neubert (FDP). Bei der Besetzung tauchte ein Bullenwagen auf. Deren Kollegen informierten den OB (die Stadtverordnetenversammlung, wie es damals noch hieß, aus der wir gerade zur Besetzung aufgebrochen waren, lief noch), und Neubert meinte, wenn es außer dem Hausfriedensbruch keine weiteren Straftaten gäbe, würde er nicht räumen lassen. Die Duldung lief dann 7 Jahre, bis wir legalisiert wurden.
Was habt ihr da so gemacht in eurem hübschen AJZ?
Was eben so üblich war damals. Nach und nach bauten wir die Kneipe aus, es wurde ein Infoladen, später eine Bibliothek und ein Archiv eingerichtet, Büros, ein Versammlungsraum, ein Bandproberaum, zeitweise eine Dunkelkammer, ein Jugendbereich mit Kinder-und Jugendsozialarbeiter für den Stadtteil. In der Kneipe fanden dann auch viele Konzerte, Info- und Diskussionsveranstaltungen und Kino statt. Und es gab natürlich ständig Treffen verschiedener Gruppen, also Vereinsplenum, Antifa, Jugendantifa, Antira (zur Unterstützung z.b. der Leute im damaligen Lager in Möhlau), Antimilitaristische Orgatreffen (gegen Gelöbnisse usw.) etc. Wichtig war auch die historische Bildung zum NS. Wir haben dutzende Gedenkstättenfahrten und hunderte Zeitzeugen*innenbegegnungen organisiert. Es gab viele Demos und andere Aktionen, die vom Haus aus organisiert und/oder unterstützt wurden. Das AJZ hatte einige Zeit einen Sitz im Jugendhilfeausschuss der Stadt. Außerdem existierte damals noch der Stadtjugendring, wo u.a. AJZ und Antifa Mitglied waren und Teile des Vorstands stellten.
Das hört sich nach ziemlich guter Verankerung an.
Ja, es hat sich ein paar Jahre auch so angefühlt. Generell hat die Stadt eine Größe, die schon einige Möglichkeiten bietet, ist aber auch so klein, dass sich Leute aus den verschiedensten Ecken der Gesellschaft über 3 Ecken kennen. Und das haben wir genutzt. Mit Freund*innen zusammen haben wir auch größere Bündnisse initiiert, die sich nicht nur, weil gerade mal wieder in Naziaufmarsch anlag, getroffen haben. Als überhaupt der erste angemeldete Aufmarsch stattfand, gab es das Bündnis schon zweieinhalb Jahre.
Also man könnte sagen, dass ihr ne gewisse kulturelle Hegemonie in der Dessauer Jugendkultur hattet?
Na ja, Hegemonie wäre sicher übertrieben. Die Kommerzdisko (da gab es nur eine) hatte sicher Einfluss auf mehr Leute. Aber wir waren sicher ein prägender Faktor der “Zivilgesellschaft” dieser Zeit. Und damit konnten wir zumindest nicht ignoriert werden, wenn wir uns zu irgend einem Thema geäußert haben. Und ja, kulturell haben wir nicht nur den klassischen Punk/Hardcore bedient, sondern hatten auch gute Drähte z.B. zur Hiphop-Szene, die manchmal bei Antifa-Soli-Konzerten dabei war, aber trotzdem auch ihre eigenen Strukturen hatte. Und wir konnten halt auch städtische Clubs wie den Kreuzer nutzen.
Was hat dazu geführt, dass diese gute Verankerung in der Stadt sich scheinbar in Luft aufgelöst hat?
Das hat sicher mehrere Ursachen. Zum Einen ist Dessau nun mal eine Stadt, die die meisten Leute nach dem Abi bzw. dem Zivi verlassen haben. (Von den 1989 gut 105 tausend sind heute keine 70 tausend mehr übrig.) Dann kamen geburtenschwache Jahrgänge, also kamen nicht mehr so viele 14- bis 16-Jährigen nachgewachsen. Und dann hat sich ganz massiv auch die Kommerzialisierung ausgewirkt. Der Beatclub hat sich sehr schnell in diese Richtung entwickelt, viele Leute verprellt, unbedarfte, junge Leute zum Für-wenig-Kohle-arbeiten abgezogen, die dann eben politisches Zeug nicht mehr so interessant fanden. Schließlich gab es eine – man muss es so hart sagen – feindliche Übernahme des AJZ durch Beatclub-Leute, die zum Großteil selbst aus dem AJZ kamen. Dann wurden nach und nach Projekte wie der Infoladen dicht gemacht, die Kneipe – bis dahin Zwecksbetrieb des Vereins – an Beatclub-Leute verpachtet und zwei jahre später auch geschlossen. Dann sind auch die letzten schon nicht mehr politischen Leute aus dem Haus ausgezogen. Das Haus stand also bis auf ein paar Büros leer. Aktuell bietet der Paritätische, seit 2000 Eigentümer, das Haus zum Verkauf an. Also falls du 265 tausend Euro übrig hast und ein Dutzend Leute kennst, die da einziehen würden, um in der Stadt an Altes anzuknüpfen…
Der Beatclub-Protagonist ist heute übrigens einer der Geschäftsführer des Felsenkellers in Leipzig, wo immer wieder extrem rechte Bands auftreten. Im Januar steht dort ein Neofolk-Konzert an, das von Fxxx von Halb 7 Records Dessau organisiert wird. Der hat schon in den 90ern ein Konzert mit Boots & Braces in der “Schwarte” gemacht. Damals hat das der heutige Felsenkeller-Mensch noch richtigerweise kritisiert.
Als Oury Jalloh in der Polizeizelle umgebracht wurde, hattet ihr ja den Zenit überschritten. Trotzdem: Wie seid ihr damals damit umgegangen?
Im Gegensatz zum Mord an Alberto Adriano viereinhalb Jahre vorher eigentlich gar nicht, muss man sagen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt gerade in einer sehr schwierigen Lage. Erst als Mouctah Bah auf uns zukam, haben wir langsam die Kraft gewonnen, uns dem anzunehmen. Dazu kommt noch, dass wir die beiden anderen Toten, Mario Bichtemann 2002 und Hans-Jürgen Rose 1997 auch mitbekommen hatten, aber auch damals nicht reagiert haben. Auf jeden Fall sind das drei schwere Versäumnisse gewesen.
Ich denke, dass wir alle der Initiative Oury Jalloh sehr dankbar sind, dass sie dran geblieben sind.
In Dessau gibt es ja seit einer Weile ein AZ (ohne Jot). Was würdest du den Leuten die da jetzt aktiv sind wünschen?
Die nötige Kraft, gerade in diesen noch viel schwereren Zeiten nicht aufzugeben, sondern Politik und Kultur zu machen, selbstbewusst, ernsthaft, kontinuierlich, nicht nur ereignisabhängig. Und die Erfahrungen der “Alten” (ein paar sind ja noch übrig) nutzen, mit ihnen gemeinsam Dinge neu entwickeln. Die eigenen Perspektiven an die Älteren weitergeben. Die eigenen Erfahrungen dann an die nächsten weitergeben, und mit denen zusammen weitermachen. Vielleicht irgendwann auch wieder in einem selbstverwalteten Haus.

Die Website des verflossenen AJZ existitert noch. Der letzte Eintrag ist von 2009. Das neue AZ scheint es leider nur bei Insta zu geben. Zu den Toten im Zusammenhang mit der Dessauer Polizei gibt es sehr viele Infornationen bei der „BREAK THE SILENCE Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“.
Sehr interessant zu Subkultur unbd Politik in Dessau ist dieses Interview mit Wenke:
