Da war mal ein Typ so Ende 20, der meist in und um die Rigaer Str. wohnte, viel musizierte und hin und wieder in einer bekannten Szenekneipe hinter dem Tresen stand (er tat noch mehr, aber das soll hier jetzt keine Rolle spielen). Wenn er Bar machte, kam oft schon am späten Nachmittag bzw. am frühen Abend ein Rudel kleiner Punker. Sie hatten schwere Rucksäcke voller Sternburgflaschen, mit denen sie sich in den hinteren Raum verzogen, darauf bauend, dass die Tresenkraft sie nicht beim Austrinken stören würde…
Ich ließ sie in der Regel gewähren, verkörperten die kleinen Punks doch gewissermaßen meine eigene Vergangenheit, die ich allerdings in einer anderen Location verbracht hatte. Zurückzublicken hatte auch etwas Ambivalentes – einerseits wollte und konnte ich da nicht zurück. Ich war froh, den Abfuck, den diese Szene auch bedeutete, ein Stück weit hinter mir gelassen zu haben und mit dem Abfuck auch einige Bekannte, die nach ein paar Jahren wirkten wie Gespenster ihrer Sucht. Manche hatten sich auch gleich ganz aus dem Leben katapultiert.
Andererseits vermisste ich das Unmittelbare, Direkte, das die sternitrinkenden kleinen Punks ausstrahlten. Das hätte ich gern wiedergehabt, aber was in 1000 Plenas, Streitigkeiten aber auch an den vielen Nächten vor oder hinterm Tresen abgeschliffen ist, kommt nicht einfach wieder. Weshalb ich damals Songs schrieb wie diesen hier, der eher an die Generation vor mir gerichtet war:
„Vollgestopft!
Bis zum Erbrechen
mit der alten Weisheit aus Schlachtrufesamplern
Vollgestopft mit Legenden
von längst vergangenen Strassenkämpfen
ach DAMALS in Hannover
im Pennymarkt
und soviel Alkohol!
Und immer weiter vorwärts!
in die Stagnation!
Die Haare
sind gleich geblieben
die Konzerte sind es auch
nur etwas leerer ist es geworden!
Aber! Es muss ja weitergeh’n
Einer muss ja die Fahne hochhalten!
Und immer weiter vorwärts!
in die Stagnation! … “
Für die kleinen Punks mögen die hier aufgerufenen Vergangenheiten als mythische Referenz existiert haben. Vielleicht. Vielleicht hatten sie, falls sie mir zuhörten, auch gar keine Ahnung, welchen Pennymarkt ich meinte. Aber selbst wenn spielte das keine Rolle. Sie waren durch und durch das Heute, das Jetzt und die Gegenwart, welche mit jedem Sterni von Neuem bekräftigt wurde. In ihrer Mitte war einer der Gitarre spielte und meinen sorgfältig ausgewählten Kassetten mit „Wire“ oder den „Goldenen Zitronen“ die Aufmerksamkeit stahl. Mich nervte das sehr: Ich stand vorne alleine am Tresen und von hinten dröhnte gröhlende Ambivalenz. Ich hab den jungen Gitarristen und Sänger irgendwann gebeten, entweder aufzuhören oder vorn auf der Bühne zu spielen. Funktionierte eher mäßig. Konny und seine Punks brauchten den Hinterraum, brauchten einen Ort, der Wut und Hoffnung nicht den skeptischen Blicken der nur ein paar Jahre älteren Mit- bzw. Expunks aussetzte. Die Magie dessen dämmerte mir, als ich etwas ich mit Konny im Schnarup Thumby spielte (heute ZGK aber das ist eine andere Geschichte). Ich hatte ein eher unterdurchschnittliches Konzert, während die etwa 30 kleinen Punks Konny an den Lippen hingen. Wow! Dachte ich. Der hat und ist Bühne!
Zeitmaschine im kleinen Sprung nach vorne: 2-3 Jahre sind vergangen und Konny und ich haben schon 2-3 Konzerte zusammen gespielt. Zum Beispiel in Konnys Schule, auf der Release-Party für „Revolutionsmusik“ im Drugstore oder bei einem gescheiterten Solikonzert für die damalige FAU Potsdam. Wir hatten sogar vage Pläne für ein Theaterstück, Musical oder etwas Ähnliches, das in der Erinnerung nicht mehr klassifiziert werden kann und auch damals schnell unter dem Pflaster versank, wo bekanntlich der Strand liegt. Dabei ist mir natürlich aufgefallen, wie aus dem kleinen Punker Stück für Stück eine Art Jungautonomer mit starken Punkanteilen wurde. Und das er Gitarre übte. Und Songs schrieb, von denen ich manche auch gut fand. Nicht versandet sind – warum auch immer – unsere Tourplanungen. Die Locations fanden wir zusammen (die meisten kamen schon von mir, aber mindestens Nürnberg, München und Schwerin hatte Konny organisiert). Ich druckte Plakate (nicht kopiert, sondern 2-Farb-Offset!) und verschickte sie an die Läden (wie damals üblich – noch). Wie es dann so lief, lasse ich erstmal Konny erzählen:
Ich hab es gar nicht so krass in Erinnerung – im „Brief“ mag auch Überzeichnung eine Rolle spielen. Hängengeblieben ist bei mir aber, dass die Tour nicht gebracht hat, was so eine gemeinsame Tour bringen soll – sich gegenseitig verstärken. Stattdessen haben wir uns neutralisiert. Mein Publikum dachte so etwas wie „Was is denn das für ein Junge mit Gitarre und Revolutionskitsch“. Konny Publikum fragte sich vermutlich, was dieser zynische Mann mit der Schrammelgeige mit seinen herausgebrüllten unverständlichen Andeutungen eigentlich von ihnen wollte. Alle schüttelten den Kopf. Ich auch. Das hatte ich mir anders erhofft.
Für Konny war es die erste richtige Tour. Ich hatte schon ein paar davon hinter mir. Dennoch lernte ich viel. Zum Beispiel, dass es Quatsch ist, zu glauben, als Musiker:in könne man sich einfach ein Publikum aufbauen und dann bleibt es da. Es wäre schön, aber Leute vergessen auch. Erinnerungen werden überschrieben. Empfindungen, die ich gestern mit vielen teilte, werden morgen ganz anders oder gar nicht empfunden. Anspielungen, deren Verstehen ich als selbstverständlich voraussetze, können ganz anders verstanden werden als gedacht oder schlicht Verständnislosigkeit hervorrufen. Überhaupt: Es gibt gar keine Selbstverständlichkeiten und auch jedes Selbstverständnis ist einem steten Wandlungsprozess ausgesetzt, was sowohl mich selbst als auch die andern betrifft. Erkenntnisse im Wesentlichen, die auch schon andere erkannt haben, spätestens vermutlich, als sie sich langsam, unbemerkt aber unaufhaltsam aus der Jugendlichkeit herausschlichen. So wie ich. Damals.
Ich wollte eher an „Die Goldenen Zitronen“ oder Dackelblut als an die „Rotzfreche Asphaltkultur“ oder gar die richtigen Liedermacher anknüpfen und versuchte, genau das unplugged mit Geige und Gesang umzusetzen. Das brach bisweilen ziemlich stark mit den Hörgewohnheiten des Publikums und genau diesen Bruch hielt ich für Punk. Das ließ mich in manchen Momenten auch glauben, mehr Punk zu sein als jene mit Iros und Punkbands. Hybris – folgenlos, irrelevant. Zugleich hoffte ich, die Realität in ihrer ganzen Hoffnungslosigkeit zu fassen zu bekommen und dem einen Ausdruck zu geben. Heraus kamen Lieder, die oft manchmal ziemlich disharmonisch, vom Textverständnis her bisweilen voraussetzungsreich und oft stark von Selbstbespiegelung einer subkulturellen Szene geprägt waren.
Konny sah ich eher als Liedermaching mit Punkattitüde. Einige Texte empfand ich als Revolutionskitsch, angetan war ich eher von den melancholischen, persönlichen Songs und seiner Bühnenpräsenz. Schon damals zeichnete sich deutlich ab, dass das Bedürfnis nach Identifikation und Hoffnung größer ist, als jenes nach dem Versuch, mit ätzender Musik einer ätzenden Realität Ausdruck zu verleihen. Das ist – das hat sich nicht verändert – Fluch und Segen zugleich. Hoffnung verleiht Flügel! Identifikation gibt Halt. Hoffnung kann aber auch trügerisch sein, falsche Erwartungen wecken oder irreale Identifikation. Falsche Hoffnungen und Identitäten wiederum leiten auch zu falschen Folgerungen, Taktiken und Strategien, die alles noch hoffnungsloser machen können. Falscher Halt hält nicht! Dem zutiefst menschlichen, ja lebensnotwendigen Bedürfnis nach Hoffnung und Identifikation ist dies jedoch ersteinmal ganz egal. Das war zu meiner großen Verwunderung bei links-subkulturellen Jugendlichen der späten Nullerjahre auch so. Sie hatten es (Überraschung!) vermutlich schwer genug, sich in Schule und Lehre zu behaupten und brauchten in der Freizeit eher Bestärkung als Sarkasmus. Das war meine Sache nur bedingt und wenn überhaupt erst nach einem Stapel sarkastischer Songs. Punk war für mich, alle Hoffnungen beiseitezuschieben um dann (hoffentlich!) mit klarem Blick sehen zu können, ob, wie und das (hoffentlich!) noch etwas geht. Daran zu glauben war meine Hoffnung! Das hatte ich durchaus auch praktisch ausprobiert, aber woher hätten die Jugendlichen das wissen können?
Nach der Tour habe ich zu verstehen begonnen, dass mein Konzept seine Schwächen hatte. In einem subkulturell-politischen Umfeld zu dessen Charakteristiken es gehörte, dass sich ein Großteil der Leute zwischen Ende 20 und Mitte 30 aus ihm verflüchtigte, während begeistert-übermotivierte Jugendliche damit beschäftigt waren, das Rad neu zu erfinden, besang ich im Grunde ausführlich einige gute Gründe endlich zu verschwinden. Das kam eine Weile recht gut an. Bis sich die Leute verflüchtigten. Diesen Prozess hatte ich bei allem Anspruch auf Durchblick nicht recht auf dem Schirm, auch wenn ich ihn ums Eck besang, halb bewusst als Teil der Hoffnungslosigkeit ausmachte und mich (zumindest theoretisch) vom Konzept „Szene“ überhaupt verabschieden wollte (in diesem unaufgelösten Widerspruch lebe ich bis heute!). Indem ich genau darüber sang, lieferte ich wiederum ungewollt einen Soundtrack der Verflüchtigung. Ich wollte jedoch etwas Anderes! Verbesserung war mein Ziel! Ich hatte aber nichts als halbgare Versuche in der Hand (und bis heute sind diese Versuche ja nur sehr bedingt befriedigend – von den Postautonomen bis zur FAU. Sie sind da und das ist schon mal nicht schlecht. Aber sie sind bisher so wenig wie “die Szene“ in der Lage, angesichts der heraufziehenden Dystopie etwas Angemessenes zu entwickeln. Aber wer ist das schon? Diese wenig erbauliche aber auf der Hand liegende Sache heißt nicht, dass wir es nicht trotzdem versuchen müssen. Möglicherweise könnte aber an Taktik und Strategie das Eine oder Andere getan werden… nun ja… die Lösung dieser Fragen ist wohl etwas für den nächsten Artikel).
Apropos heute. Konny hat Verschiedenes erlebt, schaut zurück und verarbeitet das Erlebte zu musikalischen Briefen. Ich habe es mir vor einem Weilchen in Neukölln angeschaut und fand es wirklich gut (und nicht nur den einen Song, den ich von 20 Jahre DAGEGEN! kannte. Deshalb ist es mir eine große Freude, seit Langem mal wieder mit Konny zu spielen. Das Drugstore ist dafür auch ein stilvoller Ort, auch wenn es aus Schöneberg herausgentifiziert und ins Lichtenberger Rockhaus zwischengelagert wurde. Vielleicht ist es ja auch der Abschluss einer nicht ganz unkomplizierten Tour und – das wäre schön – Quell von Erkenntnis, Hoffnung und (hoffentlich) daraus entstehender Handlungsmacht. Die Zukunft ist ja – wie olle YOK schon vor Konny und mir gesungen hat – THE FUTURE IS UNWRITTEN!
oder wie Konny selber sagt:
Die Zeiten sind, wie sie sind – und die Kämpfer:innen sind müde. Da kannste nix machen. Außer allen erzählen, die es nicht hören wollen, dass es so ist, und früher sich alles zumindest mal anders angefühlt hat, oder?
Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn Angst und Zynismus um sich greifen?
Konny schaut zurück auf Lebensstationen und auf eine linke Bewegung, um nach vorne schauen zu können. Ein musikalisch-szenisches Programm aus Liedern, Briefpassagen und Theaterelementen gegen das Aufgeben.
PS.:Das Plakat hier ist übrigens das alte Tourpalakat mit geringfügigen Veränderungen:

PPS.: Wo wir hier hier so viel bei der Vergangenheit waren, will ich noch kurz in die Zukunft blicken. Vielleicht nicht DIE Zukunft. Auch nur ein Stückchen Zukunft. Ein Stückchen meiner musikalischen Zukunft und das düster wie die echte Zukunft, wenn wir (wer ist das eigentlich?) nicht noch was gedreht kriegen. Und dann in einer Kirche (entwidmet)! Pomhaj Bóh (oder auch nicht)! Kiekt ma!
