Auf Bitterfelder Wegen

Letzte Ausfahrt Sachsen-Anhalt…

Alle starren wie gebannt auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt. Und ja. Es wirkt bedrohlich, was da passiert. Zeitungen, Bücher, Datencenter könnte man damit vollschreiben, aber das tun gerade andere schon (von der KI nicht zu reden). Empfehlen würde ich zum Beispiel diese Zusammenstellung hier in der AK.

Ich packe stattdessen einfach meine Geige ein und fahre noch einmal hin. Und zwar in die leicht verblichene Chemiemetropole Bitterfeld. Das ist die Stadt bei der Zugreisende beim Vorbeifahren immer die Türen schlossen, des Gestanks wegen. Die Stadt, in der man die weissen Bettlaken nicht an die frische Luft hängen wollte, des Industriesstaubs wegen. In den späten 80ern und frühen 90ern trugen auch die Punkbands hier schöne Namen wie „Abraum“ oder “Chemieverseucht“.

Heute ist das Zentrum hübsch zurechtgemacht, die Stadt insgesamt aber noch voller Narben – baulich wie auch menschlich. Mit der Chemie (Reste sind vorhanden, aber eben Reste) verloren viele in Bitterfeld auch Sinn und Existenz. Die überall in der gerade verflossenen DDR erfolgte Deindustrialisierung traf Bitterfeld mit besonderer Wucht. Auch in den 90ern und Nullern galt die 2007 mit dem benachbarten Wolfen fusionierte Stadt als Inbegriff von Tristesse. Insofern verwundert es nicht, dass Bitterfeld eine der ersten Orte war, in der die sogenannte AfD über 20% bekam. Das Paradoxon, das relevante Teile des ostdeutscher (Post)Arbeiter:innenmilieus einer westdeutschen Oberschichtspartei hinterherlaufen, konnte sich hier, aufbauend auf ein in den 90ern angelegtes Fundament rechter Alltagskultur, erstmals richtig entfalten.

Soweit so schlecht. Trotz allen Widrigkeiten gab (und gibt) es in Bitterfeld immer auch Linke, Anarchist:innen, Antifas. Oft vermengt mit der punkigen Subkultur rund um das Wohn- und Kulturprojekt AKW (das ist so eine ehemalige Dachpappenfabrik hinter dem Bahnhof. Und genau dort spiele ich heute auf einer punkigen Revival Party, die hoffentlich nicht nur Revival, sondern auch Aufbruch wird. Bis dann!

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