In der Gürtelstrasse ist die Berliner Linie durchbrochen worden. Das passiert nicht jeden Tag. Erinnert sei hier an die vielen geräumten Besetzungen von #BESETZEN. Ich selbst habe ebenfalls schon als Jugendlicher in den späten 90er Jahren versucht zu besetzen. Das Resultat war immer das Gleiche. Räumung innerhalb von 24 Stunden und Anzeigen wegen Hausfriedensbruch. Das war demotivierend und vor allem auch ziemlich teuer. Nichtsdestotrotz gab Besetzungen, in denen die Berlinier Linie durchbrochen wurde und der Wohnraum dann als solcher galt und rechtlich geschützt war. Beispiele wären das New Yorck oder die G17.
Daneben gab es immer stille Besetzungen, häufig auch von osteuropäischen aber auch von Straßenpunks, Obdachlosen – kurz gesagt Besetzungen aus drängender Not heraus. Das hat natürlich eine politische Dimension die vielleicht auch wichtiger ist als die Inszenierung mit Bannerdrop. Jedoch formt sich daraus selten so etwas wie ein kollektives Begehren und daraus entstehende Handlungsmacht. In der Gürtelstrasse scheint das anders zu sein. Grund genug für ein kurzes Interview, welches auch deshalb wichtig ist, weil die Leute wirklich dringend Unterstützung brauchen. Die Lage ist nämlich vor allem eins: Beschissen!

Die Gürtelstrasse verpackt wie seinerzeit der Reichstag. Nur ohne versammelte Kulturschickeria und internationale Presse. Hinter der weißen Plane befindet sich eine Dämmung, die niemandem etwas tut, wenn man sie nicht anfasst. Aber genau das ist der Plan. Ein Vorwand? Offensichtlich!
Hallo Hexe. Wie ist denn der Stand gerade in der Gürtelstrasse?
Am 15.9. wurde morgens der Bau von einem Gerüst an unserer Außenfassade begonnen. Der Stand zwei Tage später ist das von 7-16:30 Arbeiter an unserer Fassade arbeiten, bohren etc., angeblich um Schadstoffe zu entfernen. Es sind 24/7 Sekus da, mittlerweile mit Pfeffer. Polizei ist auch da auch um die Sekus zu schützen. Niemandem wird erlaubt rein und raus zu gehen und auch die Übergabe von Versorgung wird nicht erlaubt. Selbst unser Anwalt wurde nicht reingelassen. Gestern wurde draußen offiziell eine Kundgebung angemeldet. Die Menschen im Haus sind gut erschöpft aber Stimmung ist angenehm.
Kannst du kurz was über Euch sagen? Wer seid Ihr eigentlich?
Wir sind ‘n bunter Haufen anarchistische Punks, größtenteils im alter Anfang/Mitte 20 mit ein paar Ausnahmen. Alle Bewohner sind schon länger auf Straße, haben sich hier also eine Art zu Hause aufgebaut.
Das heißt, ihr lebt hier schon länger zusammen?
Im Herbst 24 sind die ersten von uns ins Haus, die Menschen kannten sich auch schon davor, quasi ‘ne Art Freundegruppe. Über die 2 Jahre haben hier und da Leute aus unterschiedlichen Ecken mit dazugefunden.
Ihr habt ja still besetzt. Wann wurde Euch klar, dass die Sache öffentlich wird?
Wir hatten tatsächlich Mitte/Ende letztes Jahr angefangen über’s öffentlich Gehen nachzudenken und haben über die Zeit über Ideen und Konzepte nachgedacht. Wir wollten aber eigentlich erstmal das Haus weiter ausbauen und einrichten, also ein gutes Fundament dafür schaffen. Letzten Monat kam dann der Eigentümer auf uns zu und meinte, wir sollen raus. Aufgrund dessen sind wir dann jetzt öffentlich gegangen, um Unterstützung zu mobilisieren und auch generell für Wohnraum und gegen Gentrifizierung zu stehen.
Warum habt Ihr Euch entschieden, nicht einfach still und leise zu gehen?
Keiner von uns will einfach auf die Straße zurück, wir waren hier jetzt schon 2 Jahre. Wir wollen für unser Haus kämpfen, und gegen das ganze verrückte Häuser aufkaufen um was weiß ich hinzustellen, Profite daran zu machen, während es normalen Bürgern immer schlechter geht und sich viele Leute kein Zuhause leisten können, zu protestieren. Es ist generell so ein Krisenzustand überall grade und darauf wollten wir aufmerksam machen.
Wie war (und ist) Euer Verhältnis zur Nachbarschaft?
Unser Verhältnis ist super! Als am 1.9. und den Rest der Woche die ganze Zeit Leute vorm Haus waren, kamen Nachbarn auch vorbei, haben zur Situation gefragt und mit uns geredet, Zuspruch gegeben, haben Essen vorbeigebracht. Eine Nachbarin hat uns sogar ein Banner gemacht, für Leute am protestieren draußen wurden Schlafplätze angeboten und auch generelle Hilfe, das wir auf manche von ihnen zukommen können. Viele, viele von ihnen leiden genauso unter steigenden Mieten, Wohnungsmangel, und sind generell mit den gesellschaftlichen Zuständen nicht zufrieden. Auch heute kamen Menschen von der Kita, inklusive der Kinder, vorbei und haben uns Wasser und geschmierte Brote gegeben. Also es ist weiterhin sehr angenehm für alle, und wir sind auch super dankbar für den Support!
Da wären wir beim letzten Punkt: Ich bin draußen und will Euch unterstützen. Was kann ich tun?
Am besten ist wirklich einfach vorbeikommen, Präsenz zu zeigen. Gegenüber vom Haus ist seit gestern eine Kundgebung und es sind generell immer Menschen da. Den Leuten draußen kann weiterhin Essen, maybe was angenehmes zum sitzen oder ähnliches gebracht werden. Für die Menschen drinnen kann grade nicht viel mehr gemacht werden als Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, das auch die weiter Oben uns hören müssen. Vor allem sollte auch Aufmerksamkeit auf das dreiste Vorgehen gebracht werden. Tauscht euch mit den Leuten draußen aus, erzählt den Menschen in eurem Umfeld was abgeht, sprecht Support aus, auch gerne online
Danke für das Interview! Ich wünsche Euch viel Erfolg! Lasst Euch nicht unterkriegen!
Weitere Atikel zur Gürtelstrasse auf diesem Blog:
https://geigerzaehler.info/2026/09/01/hausbesetzung-in-der-gurtelstrasse/
https://geigerzaehler.info/2026/09/15/fassadenvorwande-in-der-gurtelstrasse/

Während der Kampf drinnen und auf der Strasse noch weiterläuft, wird in der Nachbarschaft schon eine Solikneipe geplant:
Das Hugo Haus braucht Solidarität – und Moneten
Das Hugo Haus in der Gürtelstr 39 ist seit 2 Jahren von jungen Punks besetzt und AKUT räumungsbedroht.
Deswegen machen wir am Samstag den 26.9. ab 18 Uhr Solikneipe auf dem Rummelplatz!
Kommt vorbei, bringt Friends mit, spread the word!
Freiräume erkämpfen! Wir bleiben Alle!
