Roadtrip in der Berlinska Droha

Irgendwann auf einem kleinen Festival an der polnischen Grenze. Ein Teil des Festivals findet drinnen in einer alten Festungsanlage statt, ein anderer draußen auf der großen Bühne. Draußen soll Guts Pie Earshot spielen, drinnen Atze Wellblech – ein Duo, das noch nicht so heißt, sondern Geigerzähler, der einen Bassisten mitgebracht hat.

Wir spielen und es läuft so lala, auch weil wir dieses Duo noch nicht so lange machen und nicht so gut eingespielt sind. Dann fällt der Strom aus. Scheiss drauf! Wir haben Geige und Kontrabass. Wir können auch so. Runter von der Bühne, weitergespielt! Die Stimmung wird langsam besser. Bis das Licht wieder angeht, haben wir Spaß und auch zwei sorbische Nummern im Programm, die irgendwie familiär an mir kleben geblieben sind. Im Publikum singt jemand mit. Auf sorbisch! Das ist noch nie passiert.

Uta will eigentlich Guts Pie Earshot sehen, geht aber aber wegen des Stromausfalls in die Katakomben. Da ist was los! Nach dem Konzert spricht sie mich auf Sorbisch an, was ich nicht verstehe, weil in meiner postevangelisch-sorbischen Familie das Sorbische zu einer Art Ritualsprache für besondere Gelegenheiten geworden ist und meine Großeltern ihr schönes intellektuelles Sorbisch in meiner Kindheit nur angewendet haben, wenn ich sie nicht verstehen sollte. In anderen Familienzweigen ist das anders, aber das hilft mir jetzt, wo ich diese schöne Sprache mal gebrauchen könnte, auch nicht weiter. Wir switchen ins Deutsche, unterhalten uns über dies und das, stellen fest, dass wir beide in Berlin wohnen, beide Musik machen, vielleicht mal jammen könnten. Gesagt getan. Im Fischladen steht damals noch ein Klavier. Wir unterhalten den Laden gegen freie Getränke. Berlinska Droha wird geboren. Berliner Straße heißt das und ist ein schöner Name für den Spagat zwischen Punk und (ex)Hausbesetzer:innenbewegung einerseits, und dem katholisch-sorbischen Dorf andererseits im Dreieck zwischen sorbischem Folk, Chanson und Punk mit den falschen Instrumenten. Das alles wird uns prägen. Vorher müssen wir aber noch ein bisschen proben und vor allem: Spielen, spielen, spielen. Das tun wir ausgiebig zwischen Friedrichshain, Chóśebuz, Wotrow, St. Ingbert, Sargans und Marocko. 2008 nimmt Tosen mit uns ein erstes Demo im Keller der KvU in der Kremmener Strasse auf. Das Demo gibt es nur in Form einiger selbstgebrannter CD‘s. Immerhin 2 Songs sind nirgendwo sonst veröffentlicht. Den Rest haben wir später noch mal anders und oft besser gemacht. Bald darauf brachten wir unsere erste Single auf Vinyl heraus mit Siebgedruckten Cover, gezeichnet von Andreas Michalke.



Die Single haben wir schon im „Riot Noise Studio (Berlin)“ von Andre und Manu von HAUSVABOT aufnehmen lassen. Das Gleiche tun wir mit unserem ersten Album. Und wieder spielt uns Dirk ein Schlagzeug ein. Neu ist, dass wir mit Vetoria – Records zusammenarbeiten. Und das der WAHRSCHAUER ganz viel Text über uns bringt.

Die Releaseparty ist im alten Lovelite und ziemlich bombastisch. Etwa zur gleichen Zeit organisiert Pjotrek unsere erste Tour in Polen, die wir zusammen mit čorna krušwa (tolle Band Schade, dass die nicht mehr spielen!) absolvieren. Unsere erste Mugge ist in einem Kino in Augustow kurz vor der polnischen Grenze. Wir haben den Weg unterschätzt und sind viel zu spät da. Trotzdem schön und der Beginn einer langen Freundschaft. Irgendwie zwischendurch entsteht auf dem Out in the Gurin – Festival ein Livealbum, aufgenommen und gemischt von Thomas Kurmann.

Unser zweites Studioalbum entsteht mit Chris Poller in einem gottverlassenen Dorf bei Finsterwalde. Schön ist es da und es gibt auch einen richtigen Flügel. Wir machen ein Crowdfounding, ein vierfarbiges Siebdruckcover (DANKE O..i!). Gefeiert wird im BADEHAUS in einer schönen Mischung aus sorbischem, Dorf und Berliner Club. Berlinska Droha eben!

Davor, danach und daneben gibt es jede Menge Konzerte, Touren in Polen und der Schweiz. Wichtig ist das Wočiń woči im schönen Budyšin. Ein Ereignis in der Stadt mit den schönen Türmen, dem man mehr Alltäglichkeit wünschen würde. Bei der Ausgabe Nummer zwei war aber leider schon weniger Zauber und mehr Mühe der Ebene. Die war auch sonst zu spüren. Unser Duo hatte ja schon ein bisschen Zeit auf dem Buckel. In diese Zeit fällt der Beginn der Zusammenarbeit mit Smail Shock mit dem wir (und čorna krušwa) ein wunderbares punkiges 5-Song-Vinyl aufnehmen:

Es folgt eine lange Probesession mitten im Winter in einem sächsischen Dorf. Wir schreiben neue Lieder und nehmen wiederum bei Smail aber im neuen Studio unser letztes (und meiner Meinung nach bestes) Album auf.

Es folgen noch ein paar Konzerte, Touren und eine Menge Filme von Robert in Belarus und anderswo. Der intereressanteste und Umfangreichste ist ein Roadmovie quer durch Weißrussland. und eine Filmmusik und eine laaaange Pause, unterbrochen nur kurz für Kulturzüge und Jubläumsintermezzos und eine Begegnung bei der sorbisch-walisischen Freundschaft.

Und jetzt wieder zwei Konzerte. Beide in der Łužica.

25. 7. Witaj – Festival
05. 9. Steinhaus – Geburtstag

Ich bin gespannt! Bis dann!

Ps.: Bestimmt hab ich irgendetwas durchenandergebracht. Aber das ist nicht so schlimm (hoffe ich). Hac pon!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Are you human? Please solve:Captcha